Schmalkalden, Caspar

Caspar Schmalkalden (ca. 1617-1673) aus dem ernestinischen Herzogtum Sachsen-Gotha (Thüringen) begab sich 1642 in den Dienst der VOC, wo er ab April 1646 als Soldat in Java und Formosa diente.

Geboren in Friedrichroda als Sohn des dortigen Bürgermeisters, ging er nach 1634 auf studentische Wanderschaft. In Elbing (zur Studienzeit Schmalkaldens dem Erzbistum Ermland zugehörig) ließ er sich zum Vermesser ausbilden und studierte ab 1642 in Groningen Astronomie. Ab September 1642 diente er unter der Führung von Moritz v. Nassau-Siegen als Soldat der Geoctroyeerde West-Indische Compagnie in Brasilien bis Anfang 1645 (vgl. Michel 2007, S.119).

Im Herbst 1645 wechselte er in die Dienste der VOC, die ihn nach Batavia einschiffte, wo er Ende 1645 ankam. In Java und Aceh sowie auf Formosa machte er Bekanntschaft mit chinesischen Kaufleuten und zeichnete sie.

Schmalkalden berichtet recht genau über ethnographische Dinge. So erwähnt er den Brauch der Säuglingstötung von Mädchen bei Chinesen in wirtschaftlicher Notlage. Begründet hätten sie dies ihm gegenüber damit, daß "sintemal selbige aus dieser Armut erlöset und deren Geister in bessere und glücklichere Körper einführen" (Schmalkalden 1983:132). Er erwähnt den Tee und seine die Gesundheit fördernden Eigenschaften, die sogar gegen "Schwindsucht [Tuberkulose], Steinsucht [Nierensteine] und Podagra [Gicht]" (ibid., S.133) helfe. Er beschreibt Sympathiemagie bei den Chinesen (Pfeifen um Wind zu erzeugen), Todesriten (Weiß als Trauerfarbe, Rückführung von in fest versiegelten Särgen aufbewahrten Toten nach China, Glaube an Wiedergänger, Fütterung der Toten).

Darüber hinaus ist seine detaillierte und bildliche Darstellung der chinesischen Kalenderdeutung die erste im deutschen Sprachgebiet (Kalenderdeutung nach der Kreis-Methode mit vier Himmelsrichtungen Norden=běi [北], Osten=dōng [東], Süden=nán [南], Westen=xī [西] und den Trigrammen für Himmel=tiān [天], Erde=di [地], Berg=shān [山] und Wind=fēng [風] als Bezeichnung der Zwischenhimmelsrichtungen, "acht Schriftzeichen" 八字, "vier Säulen" 算命, 12 Doppelstunden usw.).

1648 versetzte ihn die VOC als Soldat nach Fort Zeelandia (Formosa). Schon nach einem Monat wurde er aber als Landmesser eingesetzt (a.a.O., S.140). Er erwähnt einen Landsmann als Stallmeister "mit etlichen deutschen Knechten".

Während seiner Tätigkeit als Landvermesser entstanden Karten von Hainan, der Halbinsel mit Fort Zeelandia und die nebenstehend abgebildete Karte Formosas (Norden ist links auf der Karte, die Bucht und der Hafen von Taiwan/Tainan sowie das Fort Zeelandia sind unten rechts eingezeichnet).

Seine Reisebuch führte u.a. die erste bildliche Darstellung der Ureinwohner (Austronesier) Taiwans "aus westlicher Hand" auf (vgl. Michel 2007, S.119), wobei er die Männer als meist stark beleibt, kleine Schellen an den Handgelenken tragend, und die Frauen von kurzer Statur, mit von "grünem Laub" bekränzten Häuptern, beschreibt (vgl. Schmalkalden 1983:144).

Die Häuser der Austronesier schildert er anschaulich als "in der Form eines Schiffs oder vielmehr des Spiegels an einem großen Schiff gebauet, mit allerhand bunten Farben angestrichen" (ibid.), ein Haustyp, wie er sich bis heute bei den Toradja auf Celebes oder bei den Abelam in Neuguinea gehalten hat (vgl. Forge 1974:7f; Downs 1974:95).

Während seiner Dienstzeit auf Formosa war er im Juni 1650 für wenige Wochen in Japan, wobei er ausführlich beschreibt wie alle Bücher religiösen Inhalts, ebenso alle "geistlichen Gemälde" und europäische Münzen (wegen der Kreuzzeichen) einzupacken und vor den japanischen Hafenbehördenvertretern zu verstecken.

Seine Schilderung Japans ist recht dürftig. Nagasaki wird nicht sehr schmeichelhaft als im Regen "kotig" und in den Gassen zur Kontrolle der Bewohner mit "Schlagbäumen" bewehrt dargestellt sowie Deshima, welches er auch zeichnet, als "Eiländlein", durch eine Brücke und Tor mit Nagasaki verbunden (vgl. Schmalkalden 1983:152).

Frauen und Männer seien gleich gekleidet. Der einfache Mann trage eine Glatze, die Samurai beschreibt er korrekt mit geschorener Stirn und einem verknotetem Zopf am Hinterkopf.

Er fügt jedoch eine Karte Japans an, mit einer für damalige Verhältnisse hohen Genauigkeit.

Nach seinem Abschied 1651 begab er sich ins Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg, wo er in der Residenzstadt ein Haus erwarb und seine Erlebnisse niederschrieb (vgl. Kreiner 1984:6f).

Schmalkaldens Diarium gelangte auf Umwegen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in den Besitz der Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg, die es in der Bibliothek auf Schloß Friedenstein verwahrten (heute Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha, Signatur Nr. Chart B 533). Dem Gothaer Biologen Wolfgang Joost ist es zu verdanken, daß die Reisebeschreibung Caspar Schmalkaldens der Vergessenheit entrissen wurde (vgl. Möller 1984). [ar]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lit.: Downs, R.E. (1974): Die Toradja in Celebes, in: Bild der Völker Bd.6, hg. v. E. Evens-Pritchard et al., Wiesbaden:F.A.Brockhaus 1974, S.92-99; Forge, A. (1974): Die Abelam. Neuguinea, in: Bild der Völker Bd.1, hg. v. E. Evens-Pritchard et al., Wiesbaden:F.A.Brockhaus 1974, S.70-79; Kreiner, J. (1984): Deutschland-Japan. Die frühen Jahrhunderte, in: Deutschland-Japan. Historische Kontakte, hg. v. J.Kreiner, Bonn:Bouvier 1984, S.1-54; Schmalkalden, C. (1983): Die wundersamen Reisen des Caspar Schmalkalden nach West- und Ostindien 1642–1652. Nach einer bisher unveröffentlichten Handschrift bearbeitet und hg. von W.Joost, Weinheim:Acta Humaniora 1983; Michel, W. (2007): Schmalkalden, Caspar, in: Neue Deutsche Biographie Bd. 23, Berlin:Duncker& Humblot, S.119-120; Möller, J.M. (1984): Buchrezension zu Schmalkalden 1983, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.1984, S. 10; Bildquelle: Schmalkalden 1983, S.128, 141, 145, 148, 151

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